Inspiration

35 Jahre FRIZZ – Wir gratulieren

Das älteste Darmstädter Stadtmagazin, heute heißt es FRIZZ, wird 35 Jahre alt.

VORHANG AUF-Chefredakteur Giuseppe Pippo Russo fasst den Start und diese 35 Jahre zusammen. Von der schwierigen Gründerphase, an der er maßgeblich beteiligt war, bis zur viel(ge)schichtigen Gegenwart.

Es war Herbst 1982. Am frühen Abend in der zwei Jahre jungen und sieben Tage die Woche oft knackevollen In-Rock-Disco „Steinbruchtheater“. DJ Pippo wurde vom einem der Betreiber-Brüder, Wolfgang „Dago“ Duchow, auf einen Gast an der Theke hingewiesen: „Da drüben sitzt einer, der heißt Deddy. Der will wie Du ein Stadtmagazin für Darmstadt machen. Hört sich interessant an. Sprecht doch mal miteinander!“

So kam es: Der Ex-Philosophie-Student Detlef „Deddy“ Wilke erzählte was von einem Satz- und Belichtungsstudio, an dem er beteiligt sei und von den in den Startlöchern ungeduldig Hufe scharrenden Mitstreitern Ernst Richard Köper, Dietmar Lüning und Reinhold Seibert. Der Politik- und Literaturwissenschaften studierende DJ sprach von seiner Zeit beim Echo, seinem Lohnschreiben bei anderen Medien wie etwa bei der Frankfurter Rundschau und davon, dass er die Region Darmstadt und die Musik-, Theater-, Kunst-, und Gastro-Szene gut kenne.
Das Wichtigeste bei uns – Deddy und mir – war:

Wir fanden uns gleich sypathisch!

Dazu kam noch ein weiterer Akteur. Hans-Jürgen Jochum, Manager beim Darmstädter Kinobetreiber Theile-Konzern. Er ließ eine monatliche Broschüre herstellen, die das Pali-Kino-Programm illustriert abbildete. Er meinte, das könnte man viel besser in ein Monats-Stadtmagazin hineinpacken. Jochum war Partner, Freund und Mentor, als Anzeigenkunde wichtig und Mittler zur großen weiten Welt des Kinos.

So legten wir los. Am 1.4.1983 erschien im W.S.-Verlag (Wilke/Seibert) die erste Klappe mit Logo einer Filmklappe, wegen der Nähe zum Pali-Kino-Programm. Bald waren die Mitstreiter weg. Ernst-Richard als Schauspieler zum Theater nach Kassel, Dietmar ging zurück zum Auftritt (das Magazin, das seit vielen Jahren Journal Frankfurt heißt) und Reinhold, ja, wo ist der Reinhold hin? Ich glaube, der ist in Richtung USA verloren gegangen. Auf jeden Fall waren alle drei und der erste Chefredakteur Phil Anders nach ein paar Monaten weg.

Der Herausgeber der Foyer Nachrichten (heute Darmstädter Kulturnachrichten), der Darmstädter Weltbürger Maarten Schiemer, war sauer. Er warf uns zum Start noch ein: „Macht Euch fort aus meiner Stadt“ hinterher. Der Mann – in Indonesien geboren, durch die halbe Welt gereist – der einst den deutschen Playboy Erstveröffentlichte, arbeitete in den Siebzigern – wie schon einige Strecken in seinem Leben vorher – intellektuell weit unterfordert als Pförtner im Staatstheater, wo er zum großen Glück der breiten Darmstädter Rockgemeinde Konzerte mit Weltgruppen organisierte (so mit „Genesis“!). In den Jahren davor war er Begründer und Betreiber des legendären „Underground“-Clubs in der Wilhelm-Leuchner-Straße, wo bereits Rory Gallagher, „the nice“ und andere Stars gastierten.

Nun war er der Überzeugung, dass sein DIN A 5 Heft Foyer Nachrichten, das er seit einem guten Jahr um das Theaterfoyer und in wenigen Galerien und Kunst-Szene-Lokalen auslegte und das nur Staatstheater, Galerien und etwas Kleinkunst beleuchtete, den Anspruch hatte, das erste richtige Stadtmagazin zu sein. Als knurrige Reaktion auf Die Klappe vergrößerte Maarten das Format auch auf DIN A 4.

Letztendlich ist die Diskussion natürlich müßig. Sicher ist: Das erste gesamtkonzeptionelle Stadtmagazin war Die Klappe mit Ersterscheinung am 1.4.1983. Heute lebt Maarten Schiemer an Frakreichs Atlantikküste, gibt souzsagen den „alten Mann und das Meer“.

Mit dem Start damals kamen auf Detlef Wilke und mich wunderschöne, spannnede und … äusserst entbehrungsreiche Jahre zu. Ich hatte während meiner Zeit beim Darmstädter Echo in den Siebzigern dort vorgeschlagen, dass man ein Stadtmagazin starten müßte. Der damalige Chefredakteur Dr. Kurt Werner Reinhold, Mentor aller ideenreichen Jungen im Haus, war begeistert. Das „controlling“ – falls es zu der Zeit schon so hieß – schmetterte mein Ansinnen mit der Begründung „viel zu teuer“ ab. Dass das Projekt dann „teuer“ wurde, mußten wir später am eigenen Geldbeutel oft schmerzhaft spüren.
Wir beide beuteten uns jahrelang gewaltig selbst aus. Nun, das ist wohl das Schicksal aller Start-Ups. Während der Produktion (damals noch Papierfahnen-Schnippsel-Satz) werkelten wir oft tage-, ja wochenlang bis in die späte Nacht. Jeden Monat wieder. Aber, es hat trotz regelmäßiger Totalerschöpfung irrsinnig viel Spaß gemacht. Es war einfach unsagbar schön, wenn der turnusmäßige Komplett-burn-out nach der Herausgabe langsam nachließ.

Zwei Jahre später schafften wir sogar den Sprung ins Agenturgeschäft. Für Nike, damals mit Europazentrale in Darmstadt-Weiterstadt und für Wella arbeiteten wir international. Für den Darmstädter Beauty-Konzern brachten wir im gesamten deutschsprachigen Gebiet die Zeitschrift High-Hair-News heraus und sponsorten deutschlandweit Festivals und sogar die letzte Welttournee von Nena bis nach Japan. Wenn man gestandenen Agenturleuten heute erzählt, dass wir die japanischen Nena-Plakate und Eintrittskarten mal flugs von Mitarbeitern der Japan Airlines an deren Schalter im Rhein-Main-Flughafen gegenlesen ließen, halten die einen für total plemplem. Es war aber effektiv.

Dann kam Anfang 1987 ein Einbruch. Wir verzettelten uns, das eine oder andere Projekt ging schief. Und privat kam für mich der Tod meiner Mutter dazu. Ich stieg ausgelaugt und depressiv aus. Detlef Wilke ruderte in den natürlich auch selbstverschuldeten ungestümen Wellen weiter. Ich wurde im Oktober Vater und war bald mit meinem „neuen“ Leben eigentlich ziemlich im Reinen. Detlef hatte seine Lebensgefährtin Birgit Bieck mit ins Boot genommen und rettete Die Klappe mit ihrer Hilfe. Die beiden lenkten das Magazin mit viel Geschick „in ruhigeres Fahrwasser“. Als das Frühjahr 1988 kam klingelte das Telefon und Deddy lud mich zum Gespräch. Er und Biggi waren der Meinung, dass ich die redaktionelle Leitung wieder übernehmen sollte. Ein gutes Essen und zwei, drei kühle Bier im Wilhelminenhof und wir waren uns einig und voller Tatendrang.

Gemeinsam durchstarten. Birgit Bieck war geschäftsführend für das Bürokratische, Detlef Wilke war für alles Technische und ich fürs Redaktionelle zuständig. Und das war gut so. Unsere gemeinsame Arbeit hatte zur Folge, dass Die Klappe wohl das weitaus erfolgreichste kostenlose Stadtmagazin der Großregion Rhein-Main in den späten Achtziger und frühen Neunziger Jahren wurde.

FRITZ entsteht. Dann begründeten wir zum 1.1.1994 mit zwei ähnlichen Magazinen einen neuen Verbund. Das Mainzer Boulevard und das Frankfurter Skyline – beides jahrelang existierende, aber später als Die Klappe gegründeten Hefte – und unser Magazin, schlossen sich zu dem Verbund Fritz zusammen. Gemeinsam akquirieren, gemeinsam überregionale (zum Beispiel Film-) Redaktion erstellen, waren unsere synergiehaften Ziele.

Das funktionierte einerseits, verursachte für mein Befinden andererseits oft unnötiges Kompetenzgerangel und Komplikationen mit der inhaltlichen Ausrichtung.
Bis wir uns innerhalb der Darmstädter Fraktion voneinander entfernten. Für mich gab es unüberbrückbare Differenzen in Ausrichtung, in Zielsetzung und im Organisatorischen, sodass ich im Frühjahr 1996 ausstieg.
Und dann habe ich den VORHANG AUF Das Magazin gegründet. Ein Magazin, das sich ausschließlich dem regionalen Geschehen widmete. Nicht Frankfurt – Mainz – Heidelberg – Mannheim – Gießen, sondern Darmstadt – Bensheim – Neu-Isenburg und nur Besonderes aus Frankfurt und Heidelberg-Mannheim. Im Großen und Ganzen ist das bis heute so geblieben.

Und heute.

Die Darmstädter Kulturnachrichten, weiterhin vor allem der Laudator für das Staatstheater, dort das Foyer- und das Bühnengeschehen und für die Galerien.

FRIZZ (Sie mussten den Namen Fritz wohl wegen des Berliner Radiosenders Fritz ändern.) Das Magazin ist im gesamten Rhein-Main Event-Geschehen, natürlich mit regionaler Ausrichtung, stark engagiert.

P ist seit zehn Jahren ein DIN A 5 Kultur-Magazin – im März dieses Jahres ist die 100. Ausgabe erschienen – auch dazu gratulieren wir herzlich, spricht vor allem junge Menschen im Studentenalter der Region umfassend an.

Fratz – Das Familien-Magazin ist der Ratgeber schlechthin für Eltern und assistierende Großeltern mit allen Themen rund um Kinder und Familie in der Region Südhessen.

VORHANG AUF Das Magazin ist der Allrounder in Veranstaltungen und Kulinarik in der Region Südhessen, mit den meisten Rubriken für die aktiven jungen (ab etwa 30 Jahre), mittleren und älteren Erwachsenen, die für Freizeit zu begeistern sind.

Eine gute Mischung. Der starke südhessische Raum, der weitgefasste Großraum Darmstadt ist eine oft unterschätzte intensive Freizeit-, Ausgeh- und Veranstaltungslandschaft. Mit den genannten Magazinen wird die Region weit ausgeleuchtet und findet in allen Facetten für die ganz Kleinen, bis zu den aktiven Älteren eine sehr gute Repräsentation.

Ich bin froh und glücklich, schon von Anfang an dabei gewesen zu sein. Deswegen nochmal:
Herzlichen Glückwunsch an die Kollegen von FRIZZ.

Giuseppe Pippo Russo